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Opa ins Heim geben? Undenkbar!

Wenn polnische Pflegekräfte ins Haus kommen

Die Finanzierung von 24-Stunden-Kräften: Ein Grauzonen-Modell mit Auslaufdatum?

Die Betreuung durch 24-Stunden-Kräfte aus dem Ausland kostet aktuell zwischen 2.500 Euro und 3.000 Euro monatlich – je nach deren Deutsch- und pflegerischen Kenntnissen sowie dem Unterstützungsbedarf der zu pflegenden Person. Denn auch wenn die Kräfte über mehrere Wochen 24 Stunden im Einsatz sind, bezahlt werden sie aktuell meist noch nach einer Pauschale und nicht für die tatsächliche Stundenzahl. Damit befindet sich das Modell juristisch in der Grauzone. Denn laut Deutschem Arbeitsschutzgesetz müssen Arbeitskräfte nicht nur Pausen einlegen, sondern auch mit dem Mindestlohn bezahlt werden. Das gilt auch für Kräfte aus dem Ausland. Bezahlt werden muss dabei nicht nur die Zeit, die die Betreuung tatsächlich arbeitet, sondern auch der Bereitschaftsdienst – zum Beispiel während der Nacht. Das hat erst 2021 ein Arbeitsgericht bestätigt. Dass die Agenturen ihre Modelle und entsprechend auch ihre Preise hieran anpassen, ist nur eine Frage der Zeit.

Aber wie lässt sich die 24-Stunden-Pflege als Stütze für die Pflege zu Hause dann noch finanzieren? Schon jetzt reicht das Pflegegeld der Pflegekasse nur für eine Teilfinanzierung der 24-Stunden-Pflege. Eine Lösung, um die Kosten aufzufangen: eine private Pflegezusatzversicherung. Diese zahlt im Pflegefall ein zusätzliches Tagegeld, das dann für die Finanzierung eingesetzt werden kann.

So viel kostet eine Pflegezusatzversicherung: Beitrag berechnen

Kategorie: Pflege zu Hause | Aktualisiert am 01.04.2022 | Lesezeit 8 Min.

Ob Alter, Krankheit oder Unfall – der Punkt, an dem ein Angehöriger nicht mehr alleine klarkommt, kann jederzeit eintreten. Den demenzkranken Vater oder die nach einem Schlaganfall behinderte Ehefrau ins Heim stecken? Für viele eine Horrorvorstellung. Die Pflege selbst zu übernehmen, kostet jedoch Kraft und Zeit – und die haben vor allem Berufstätige nicht. Betreuungskräfte aus Osteuropa werden darum immer gefragter. Wie es sich anfühlt, wenn bei Opa und Oma plötzlich eine Fremde einzieht und warum diese Frauen für einen Pflegejob in Deutschland ihre eigene Familie zurücklassen, davon berichten Betroffene.

Irgendwann wird die Belastung zu groß

Walther Berger* war ein gutaussehender junger Mann. Ein Schwarz-Weiß-Foto zeigt ihn mit nach hinten gekämmtem Haar und wachem Blick. Auf dem Bild ist er gerade mal Anfang 20. Als Steffi* das alte Passfoto ihres Großvaters betrachtet, muss sie schmunzeln. „Mein Opa war mal ein fescher Kerl“, sagt sie. Das Bild in ihren Händen hat wenig gemein mit Steffis letzten Erinnerungen an ihren Großvater. „Ich sehe ihn noch mit Milla* am Tisch sitzen – wie sie gemeinsam Opas Würfel zusammenpuzzeln.“

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„Mein Opa war mal ein fescher Kerl“. Die Enkelin blickt auf ein Jugendfoto von Walther Berger.

Milla ist eine Polin um die 40, stämmig gebaut und mit einer Engelsgeduld gesegnet. Die Geduld braucht sie auch. Schließlich betreut sie als 24-Stunden-Pflegekraft rund um die Uhr Walther Berger – einen 82 Jahre alten demenzkranken Mann, dessen Sprache sie nur bruchhaft spricht. Und dann ist da noch Martha* – Walthers Frau. Auch sie ist Anfang 80 und will sich eigentlich alleine um ihren Mann kümmern.

Doch die Belastung ist zu groß und der gebrechlichen Martha wachsen die Dinge über den Kopf. So sehen es zumindest die Kinder und Enkel. Sie stellen die Seniorin vor die Wahl: Heim oder Rund-um-Betreuung zuhause . „Meine Oma wollte eigentlich nicht, dass jemand Fremdes in die Wohnung einzieht, aber es gab nur eine Alternative: Opa muss ins Heim – und das wollte sie noch viel weniger“, erzählt Steffi.

„Deutsche Pflegekräfte kann sich kein normaler Mensch leisten“

Schließlich kontaktiert die Familie eine Vermittlungsagentur für polnische 24-Stunden-Pflegekräfte. Es dauert nicht lange, bis Milla das freie Zimmer in der Wohnung der Bergers bezieht. Die Frau aus Polen erweist sich als Glücksgriff. Denn im Gegensatz zu vielen anderen Kräften aus Osteuropa hat sie nicht nur eine Pflegeassistenz-Ausbildung, sondern auch ein Gespür für Opa Walther – und für seine Frau Martha. „Wenn irgendwo eine dreckige Tasse rumstand, hat sie das sofort abgespült. Das hat unserer Mutter sehr gefallen“, berichtet Walthers jüngste Tochter Gisela*.

Eine deutsche Pflegekraft zu engagieren – daran haben die Bergers keinen Gedanken verschwendet. Schließlich kennt Gisela die Preise nur allzu gut. „Ich arbeite selbst in der Intensivpflege und dort kostet eine Rundum-Betreuung um die 30.000 Euro pro Monat – das kann sich kein normaler Mensch leisten“, sagt sie. Das deutsch-polnische Modell hingegen betrachtet Gisela als Win-Win-Situation. „Mit dem Job hier hat Milla ihre Familie in der Heimat versorgt. Für sie war das Gehalt, das sie von der Agentur bekam, gutes Geld.”

Die richtige Wahl treffen

10 Fragen, auf die Sie bei der Suche nach einem Anbieter für die Pflege zu Hause besonders achten sollten:

  • Hat der Anbieter einen Versorgungsvertrag mit der Pflegekasse?
  • Bietet der Anbieter kostenlose und unverbindliche Hausbesuche für ein erstes Kennenlernen an?
  • Bilden sich die Pflegekräfte des Anbieters regelmäßig fort?
  • Wie häufig wechselt der Anbieter das Pflegepersonal?
  • Wie lange gibt es das vermittelte Pflegeunternehmen bereits und welche Dienstleistungen bietet es an?
  • Welche Berufsbildung und Sprachkenntnisse hat die vermittelte Pflegekraft?
  • Hat die Pflegekraft Erfahrung mit der Betreuung pflegebedürftiger Menschen?
  • Ist die Pflegekraft in ihrem Heimatland sozialversichert (Bescheinigung A1)?
  • Wer ist Ihr Ansprechpartner, wenn es im Alltag einmal zu Problemen kommt?
  • Werden die Leistungen und Hilfen bei Vertragsabschluss genau festgehalten?

Polnische Frauen in deutschen Haushalten: ein Win-Win-Geschäft?

Ein Geschäft, von dem beide Seiten profitieren – dieser Umschreibung würde wohl auch Dorotha Bojarsk* beipflichten. Die 66-Jährige stammt aus dem polnischen Stettin und hat gerade ihren zweiten Job als Pflegekraft in Deutschland angenommen. Dorotha ist zierlich; eine lebhafte, aber außerordentlich höfliche Frau, die viel auf ihr Äußeres gibt. Zu ihrer chicen, aber dezenten Kleidung trägt sie roten Lippenstift. Wer die pensionierte Polin trifft, der schätzt sie problemlos fünf bis zehn Jahre jünger als sie tatsächlich ist.

"Dafür zu sorgen, dass Menschen ihre letzten Jahre in den eigenen vier Wänden verbringen können, ist ein großes Glück."
Dorotha
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Seit rund drei Monaten ist Dorotha im Rheinland. Hier, wenige Kilometer von Köln entfernt, kümmert sie sich um eine 90-Jährige – die Seniorin kann nicht mehr laufen, hat erste Anzeichen einer Demenzerkrankung. Dorotha hat Erfahrung im Umgang mit alten Menschen. Schließlich hat sie sich bis vor Kurzem noch um eine 95-Jährige aus Hamburg gekümmert. Angesprochen auf ihren Job als Betreuungsperson strahlt Dorotha über‘s ganze Gesicht. Sie fühle sich gewertschätzt – dafür zu sorgen, dass Menschen ihre letzten Jahre in den eigenen vier Wänden verbringen können, sei eine wichtige und schöne Aufgabe. Auf diese Weise Geld zu verdienen, nennt die Polin „ein großes Glück“.

Wenn die Rente zum Leben nicht reicht

Tatsächlich aber sind die Umstände, die sie nach Deutschland führen, auch mit einem großen Unglück verbunden. Nämlich damit, dass ihre Rente in der Heimat zum Leben nicht reicht – und das, obwohl Dorotha Bojarsk 20 Jahre lang als wissenschaftliche Assistentin an der Stettiner Universität gearbeitet hat.

Beschweren will sie sich darüber nicht – manche Dinge seien eben wie sie sind. Im Gegenteil: Sie sei dankbar, dass sie eine Arbeit gefunden hat, die sie gerne macht und die sie oft auch gar nicht als Arbeit empfinde. Gemeinsam mit der alten Dame im Garten sitzen, Gespräche führen und „Schiffe versenken“ spielen – all das sei nicht anstrengend, sondern Spaß.

24 Stunden verfügbar – Zwang oder Freiwilligkeit?

Die Wissenschaftlerin Dr. Ewa Palenga-Möllenbeck kennt Sätze wie diese. In den Augen der Expertin für Arbeitsmigration sind genau das die Tricks, die häufig von Vermittlungsagenturen angewandt werden. „Da wird mit den Stunden gemauschelt und behauptet, dass die Pflegekräfte viel weniger arbeiten als das eigentlich der Fall ist. Dabei wird verlangt, dass diese Frauen rund um die Uhr verfügbar sind“, sagt die Migrationssoziologin der Frankfurter Goethe-Universität.

Rund um die Uhr verfügbar ist auch Dorotha. Freiwillig, wie sie sagt. Sie bleibe eben gerne zuhause. Die abgerechnete Arbeitszeit betrage aber nur sechs Stunden pro Tag – darunter fallen Dinge wie Ankleiden, Waschen, Kochen, Einkäufe erledigen. Dafür bezahle die Agentur ihr ein anständiges Gehalt: einen Stundensatz, der sogar etwas über dem gesetzlichen Mindestlohn liege. Dorotha findet das angemessen – schließlich habe sie keine Pflegeausbildung, sei aber kranken- und rentenversichert. Neben Online-Deutschkursen gibt es auch fachmännischen Rat von Ärzten und Psychologen – sollte es mal Probleme bei der Betreuung geben.

Auch polnische Pflegekräfte brauchen mal Pause

Damit Heimweh und Arbeitsbelastung in Deutschland nicht zu groß werden, macht Dorotha alle drei Monate Urlaub und lässt sich in dieser Zeit von einer anderen Betreuungskraft vertreten. Sie selbst kehrt dann zurück nach Stettin – verbringt dort Zeit mit der Familie, verreist gemeinsam mit ihrer Mutter.

"Wenn ich sehe, wie unglaublich ratlos diese Frau ist, wenn ihre Erinnerung plötzlich weg ist – das bricht mir das Herz."
Dorotha
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Dass sie während ihrer zweimonatigen Urlaube nicht ständig aufs Geld achten muss, hat Dorotha ihrem Job in Deutschland zu verdanken. Dann geht sie mit ihren Enkeln ins Kino – und kauft Popcorn für alle. Sich selbst gönnt sie ein paar neue, schöne Kleider. Es ist Luxus, den sie sich mit ihrer winzigen Rente nie hätte leisten können. Gleichzeitig muss die 66-Jährige während ihrer Arbeit oft auf einen anderen Luxus verzichten: Zeit ganz für sich alleine. Und die braucht sie. Irgendwann. Um runterzukommen. Denn in manchen Momenten, so gesteht sie, sei die Betreuung schon belastend. Nicht so sehr physisch, sondern eher psychisch. „Wenn ich sehe, wie unglaublich ratlos diese Frau ist, wenn ihre Erinnerung plötzlich weg ist – das bricht mir das Herz“, sagt Dorotha mit zitternder Stimme und glasigen Augen.

Die Krankheit stellt gleich zwei Leben auf den Kopf

Wie es sich anfühlt, wenn ein Mensch plötzlich nicht mehr der ist, der er einmal war, weiß auch Rainer Bechtel*. Fünf Jahre ist es her, dass seine Frau Anna bei einem Stadtbummel in Düsseldorf stürzt. Was folgt sind OPs und Klinikaufenthalte. Plötzlich der Schock: Als Anna Bechtel* im Krankenhaus liegt, bildet sich ein Aneurysma in ihrem Kopf. Zwei Wochen Koma – und niemand kann sagen, ob sie jemals wieder aufwachen wird. Als die Rentnerin dann doch zu sich kommt, ist nichts mehr wie früher. Die Frau, die einst leidenschaftliche Läuferin war, sitzt nun im Rollstuhl . Auch Sprechen und Schreiben muss sie erst wieder lernen.

Doch nicht nur Anna Bechtel* ist gezwungen, von vorne anzufangen. Auch das Leben ihres Mannes steht nun Kopf. Kochen, Wäsche waschen, Putzen, Einkaufen – all das hatte zuvor seine Frau übernommen. „Am Anfang konnte ich mir nicht vorstellen, wie ich das alleine schaffen soll“, sagt der 78-Jährige. Er muss sich jetzt nicht nur um Haushalt und Garten kümmern – er hat auch eine Frau zuhause, die bei allem Hilfe braucht. Der Rentner ist überfordert. Zunächst.

Anfangs habe er über viele Möglichkeiten nachgedacht – auch darüber, eine Pflegekraft aus Osteuropa ins Haus zu holen. „Doch das hätte noch mehr Unruhe gebracht“, sagt Rainer Bechtel. Die täglichen Besuche der ambulanten Pflege und die regelmäßigen Physiotherapie-Termine – das sei für seine Frau schon Stress und Belastung genug.

„In guten wie in schlechten Zeiten“ – ein Mann hält sein Versprechen

Also entscheidet sich der Rentner, die Zähne zusammenzubeißen – und wächst über sich hinaus. Jeden Morgen steht er nun gegen halb sechs auf, um den ambulanten Pflegedienst in Empfang zu nehmen. Während die Pfleger seine Frau waschen, bereitet er das Frühstück vor. Die Zeit der Fertiggerichte ist im Hause Bechtel längst vorbei – inzwischen serviert der 78-Jährige frischen Eintopf zum Mittag und selbstgebackenen Kuchen zum Kaffee.

Die Opfer, die Rainer Bechtel bringt, um für seine Frau da zu sein, sind groß. Bei den endlos langen Radtouren, die er einst mit Freunden machte, kann er nun nicht mehr dabei sein. Sowieso hat sich der Freundeskreis des Paares inzwischen verkleinert. Doch der 78-Jährige beschwert sich nicht. „In guten wie in schlechten Zeiten“, sagt er. Dieses Versprechen habe er seiner Frau damals gegeben und auch nach 55 Jahren Ehe nicht vergessen.

Manchmal ist das Heim unumgänglich

Für den Fall, dass auch Rainer Bechtel eines Tages die Kräfte verlassen, hat das Paar bereits einen Plan B. Dann soll sie eben doch kommen – die Pflegekraft aus Osteuropa. Im Haus sei schließlich Platz genug. Es ist das Haus, das sie vor Jahrzehnten selbst aufgebaut haben. Hier möglichst lange zu wohnen, das ist der kleine, bescheidene Traum der Bechtels.

Ob auch der Traum von der perfekten, finanzierbaren 24-Stunden-Pflege realisierbar ist, daran haben zumindest die Bergers inzwischen ihre Zweifel. Auch Milla reist alle drei Monate zurück nach Polen, um sich um die eigene Familie zu kümmern. Währenddessen wird sie durch andere Pflegekräfte ersetzt. Der ständige Wechsel und die immer schlimmer werdende Erkrankung des 82-jährigen Walthers bringen Unruhe ins Haus. Als Millas Tochter dann auch noch schwanger wird, fehlt die Stammpflegekraft immer häufiger – denn sie wird in der Heimat gebraucht. Den neuen Pflegern gelingt es nicht, Walther und Martha dieselbe Geduld entgegenzubringen – es kommt zu Streit.

Nach zweieinhalb Jahren der Rund-um-Betreuung entscheidet sich die Familie dann doch, den inzwischen schwerkranken Opa Walther ins Heim zu geben. Sogar dessen Frau Martha lenkt nun ein – sie kann nicht mehr, und wird kurz darauf selbst zum Pflegefall. Hilfe aus Osteuropa geholt zu haben, bereut die Familie nicht – nur die zu späte Einsicht, dass der letzte Schritt ins Heim manchmal eben doch unumgänglich ist, bedauert Tochter Gisela ein wenig.

*Namen von der Redaktion geändert

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