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Pflege 4.0: Smart Home & AAL

Wenn die eigenen vier Wände mitdenken

Kategorie: Pflege zu Hause | Aktualisiert am 21.03.2021 | Lesezeit 4 Min.

Rund 20 Jahre ist es her, dass die Welt von Uwe Launspach dunkel wurde. Erblindung – aufgrund eines Stress-Symptoms. „Ich habe mein Tagespensum einfach überschritten“, weiß der heute 56-Jährige. Reue schwingt in den Worten des Gymnasiallehrers nicht mit, denn – so sagt er – „ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht“. Die Bezirksregierung bietet ihm an, in Frührente zu gehen. Doch Uwe Launspach lehnt ab – er will unterrichten, unbedingt. Um sich diesen Wunsch zu erfüllen, sucht der Pädagoge nach entsprechender Technik, nutzt schließlich einen Screenreader, um Geschriebenes auf dem Laptop in Sprache zu übersetzen. Der Weg zurück in den Beruf gelingt. Uwe Launspach unterrichtet wieder, nimmt Abiturprüfungen ab. Bis zu dem Tag, an dem ihn ein Schlaganfall erneut aus der Bahn wirft. Halbseitig gelähmt wird er zum Pflegefall. Krankenhausaufenthalt und Reha folgen.

Heute, eineinhalb Jahre später, bastelt der 56-Jährige ein zweites Mal an seinem Wiedereinstieg in den Job – und ist bereits mit zusätzlichen Projekten beschäftigt. „Ich schreibe an einem Roman“, berichtet Uwe Launspach. Mit seinen Therapeuten arbeitet er parallel an seinem Weg aus dem Rollstuhl und zu mehr Selbstständigkeit.

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Uwe Launspach, 56, nutzt verschiedene smarte Devices, um den Weg zurück zur Selbstständigkeit zu meistern. Foto: UKV

Inzwischen hat er daher auch technisch aufgerüstet und nennt seit ein paar Wochen ein „Amazon Echo“ sein eigen – einen smarten Lautsprecher samt virtueller Sprachassistentin namens „Alexa“. „Für mich als Blinden ist das extrem hilfreich: Ich lasse mir Bücher vorlesen, spiele Musik ab.“ Außerdem wolle er das Gerät bald für die Internet-Recherche zu seinem Buch nutzen. „Und den Fernseher kann man damit auch steuern.“ Funktionen, die nicht nur ihn selbst unterstützen, sondern auch eine Entlastung für seine Pflegekräfte zu Hause sind.

Geballte Technik auf 140 m2: Musterwohnung zeigt, was möglich ist

Einen ersten Schritt in Richtung Smart Home hat Uwe Launspach damit getan. Dass moderne Technik auch später noch, im hohen Alter, eine Bereicherung sein kann, davon ist er überzeugt. Eine Ansicht, die er mit Sebastian Busch teilt. Der 47-Jährige ist Geschäftsführer des Innenarchitektenbüros „AAB Die Raumkultur“ und war maßgeblich am Ausbau einer Berliner Musterwohnung beteiligt. Auf geballtem Raum ist dort zu sehen, was in Sachen Smart Home schon heute möglich ist.

Wer sich auf den rund 140 Quadratmetern der sogenannten „Ermündigungswohnung“ umschaut, der trifft auf etwa 80 verschiedene Hilfen. Sie alle haben eins gemeinsam: Sie sind barrierefrei und sollen es alten und pflegebedürftigen Menschen ermöglichen, länger in den eigenen vier Wänden zu bleiben. Schrankmodule, die sich auf Armhöhe fahren lassen, spezielles Geschirr, ergonomische Sessel, eine Matratze mit Aufstehhilfe und LED-Bänder, die im Dunkeln den Weg weisen sind da noch die weniger spektakulären Dinge. Beeindruckend ist vor allem das, was man nicht sieht. Sensoren zum Beispiel, die die Wassertemperatur und den Raumduft regeln. Technik, die Alarm schlägt, wenn der Kühlschrank nicht geschlossen wurde. Funktionsböden, über die sich nach einem Sturz Hilfe rufen lässt. Ambient Assisted Living (AAL) nennt sich diese Technik – „Altersgerechte Assistenzsysteme für ein unabhängiges Leben” sozusagen.

Mehr als Spielerei: Die Herausforderungen des demografischen Wandels

Dass derlei Technologien nicht nur Spielereien, sondern auf lange Sicht sogar zwingend notwendig sind, daran glaubt Sebastian Busch fest. „Innerhalb der nächsten 25 Jahre wird die Lebenserwartung und die Zahl alter Menschen so steigen, dass es allein schon personell überhaupt nicht mehr möglich sein wird, diese alle in Pflegeeinrichtungen zu versorgen.“ Gleichzeitig schwinde die Scheu vor High Tech. „Da folgt eine Generation, die mit Smartphone und Co. aufgewachsen ist und mit dieser Technik ganz anders umgehen wird, als das vielleicht bisher der Fall ist.“

"Da folgt eine Generation, die mit Smartphone und Co. aufgewachsen ist und mit dieser Technik ganz anders umgehen wird, als das vielleicht bisher der Fall ist."
Sebastian Busch
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Die Zeichen der Zeit haben auch einige Wohnungsbaugenossenschaften erkannt – die Otto von Guericke eG in Magdeburg zum Beispiel. Gemeinsam mit einem Software-Entwickler hat das Unternehmen die Wohnungen eines Neubaus so ausgerüstet, dass sie perfekt auf die Bedürfnisse älterer Menschen abgestimmt sind. Wer hier wohnt, muss nicht aufstehen, um die Haustür zu öffnen, sondern kann das über ein Tablet erledigen. Auch Licht und andere Geräte lassen sich über das mobile Gadget ausschalten. „Es besteht zudem die Möglichkeit, einen medizinischen Notruf zu installieren, der bei Bedarf den gewünschten Not- oder Pflegedienst alarmiert“, berichtet Karin Grasse vom Vorstand der Wohnungsbaugenossenschaft. Auch die Überwachung von Vitalfunktionen – zum Beispiel über ein Echtzeit-EKG – sei möglich.

Kostenfaktor versus Innovation

Dass moderne Technik nicht nur altersgerechtes Wohnen ermöglicht, sondern auch in der Pflege für Entlastung sorgen kann, weiß die Politik – und fördert darum verschiedenste Forschungsprojekte. Viele Technologien wurden bereits getestet, einige sind im Einsatz. „Ein ganz simples und gängiges Beispiel ist Geofencing – also eine Ortungs- und Navigationstechnologie, mit der sich Sicherheitszonen um Seniorenheime definieren lassen“, berichtet Thomas Norgall von der Fraunhofer-Allianz Ambient Assisted Living AAL. Auf diese Weise lasse sich der Aufenthalt von verwirrten Patienten kontrollieren, ohne deren Bewegungsfreiheit einzuschränken.

"Vieles liegt allerdings ungenutzt in den Regalen irgendwelcher Forschungsinstitute und ist nicht als Produkt auf dem Markt verfügbar."
Thomas Norgall
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Grundsätzlich gehe es bei all den technischen Neuerungen aber nicht darum, Menschen durch Maschinen zu ersetzen, sondern darum, Aufgaben sinnvoll abzugeben. „Ein ungehobener Schatz ist der ganze administrative Overhead“, sagt Norgall. Schon seit Jahrzehnten beklage Krankenhaus- und Pflegepersonal, dass der Zeitaufwand für das Ausfüllen irgendwelcher Formulare laufend steigt. „Hier kann Technik zur Win-Win-Situation führen.“

Bis das gesamte Potential technischer Möglichkeiten hierzulande tatsächlich ausgeschöpft wird, könne es aber noch dauern, prognostizieren die Experten. Innovative Ideen für Privatnutzer und Pflegeeinrichtungen gebe es zwar zuhauf. „Vieles davon liegt allerdings ungenutzt in den Regalen irgendwelcher Forschungsinstitute und ist nicht als Produkt auf dem Markt verfügbar“, sagt Norgall. Dass sich oft kein Hersteller für die Umsetzung finde, sei auch dem deutschen Gesundheitssystem geschuldet. „Dinge, die nicht erstattet werden, werden schlichtweg nicht gemacht“, kritisiert er. Auch Sebastian Busch, Einrichter der Berliner „Ermündigungswohnung“, weiß: „Vor allem Pflegeheime wollen effizient und mit möglichst wenig Aufwand arbeiten.“ Zu hohe Kosten werden da zum Hemmschuh. Bis die Nachfrage steigt und damit auch die Preise fallen, sei es allerdings nur noch eine Frage der Zeit. „Da bewegen wir uns gerade hin.“

Eine Prognose, die Pflegebedürftigen, wie Uwe Launspach, Hoffnung macht. Pflegebedürftigen, die sich trotz Pflege selbstverwirklichen wollen und um Unabhängigkeit kämpfen. Und deswegen auf digitale Pflege-Hilfsmittel angewiesen sind.

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