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Umgang mit Demenz

„Etwas in mir ist anders.“

Aktualisiert am 22.03.2021 | Lesezeit 4 Min.

„In unserem Flur hing ein großer Spiegel. Einmal hat meine Mutter sich selbst darin gesehen. Sie grüßte höflich und ging weiter“ – dieser Moment hat sich besonders in das Gedächtnis von Thomas Friedel eingebrannt. Zu diesem Zeitpunkt erkannte Friedels Mutter ihren Sohn nicht mehr. Nur kurze Zeit später musste sie dann ins Pflegeheim.

Diagnose: Alzheimer-Demenz. Von dieser Krankheit hatte Friedel vor der Erkrankung seiner Mutter noch nie gehört. Als die Ärzte die Diagnose gestellt hatten, wurde es für ihn leichter mit seiner Mutter umzugehen. Denn Demenz verändert den Menschen: nicht nur körperlich, auch seelisch und in seinem Verhalten.

Für Thomas Friedels Vater war das zunächst kaum zu begreifen: „Dass meine Mutter den Haushalt nicht mehr führen konnte, hat meinen Vater aufgebracht. Zeitweise unterstellte er ihr sogar, sie würde simulieren.“ Die Symptome mussten erst so stark werden, dass die Krankheit nicht mehr zu leugnen war. Als er sich dann einmal auf die Logik der Krankheit eingelassen hatte, kümmerte er sich hingebungsvoll.

Was geht in einem Demenzkranken vor?

„In Demenzkranke wird sehr viel hineininterpretiert“, sagt der Schweizer Gerontopsychiater Christoph Held, der seit Jahren in Alten- und Pflegeheimen arbeitet. Er plädiert dafür, die Psychopathologie der Demenz in den Vordergrund zu rücken, anstatt nur das Verhalten zu interpretieren. Psychopathologie, das ist die Lehre davon, wie sich Erleben, Befinden und Verhalten bei einer psychischen oder seelischen Erkrankung verändern. Hinter dieser Psychopathologie steht bei Alzheimer ein Untergang von Nervenzellen in bestimmten Hirnarealen, was typische Symptome nach sich zieht.

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"In Demenzkranke wird sehr viel hineininterpretiert."
Christoph Held
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„Wenn Betroffene sagen: `Etwas in mir ist anders`, `Ich weiß nicht mehr, was ich will oder was ich tun soll`, dann ist das ein Hinweis auf einen krankheitsbedingten Verlust der Identität,“ erläutert Held. Autobiografische Zusammenhänge wie Alter, Geburtsdatum, Beruf oder Familienstand verschwimmen dann, sodass die Betroffenen sich in ihrer eigenen Biografie verirren. Nach und nach geht das sogenannte Selbsterleben verloren. So werden nicht nur Freunde, Familie und die eigene Wohnung fremd, sondern auch die eigene Person im Spiegel.

Der Teppich gibt die Richtung vor

„Handlungen von Demenzpatienten wirken oft wie `gemacht`, also ziellos und nicht selbst gesteuert,“ so Held. Schreitet die Krankheit weiter voran, wirken die Betroffenen oft versunken, wie erstarrt – oder sie führen die immer gleichen Handlungen aus, wie in einer Endlosschleife.

Held berichtet von einem Demenzpatienten, der zu Hause stundenlang die Ränder seines Perserteppichs abläuft. „Er macht damit alle wahnsinnig, und seine Frau sagt: ‚Nun hör doch endlich auf.‘“ In diesem Fall müsse man den Angehörigen erklären, dass die Teppichränder dem Demenzkranken eine Richtung weisen, die er sich selbst nicht mehr geben kann. Und dass es letztlich sinnvoll ist, ihm dieses Verhalten zumindest ein Stück weit zu ermöglichen.

Inneres Erleben und äußeres Geschehen vermischen sich

In vielen Fällen ist es wichtig, dass dem Verhalten der Patienten ein solcher angemessener Rahmen gegeben wird. Denn Demenzpatienten können mit der Zeit schlechter zwischen ihrem inneren Erleben und dem Geschehen um sie herum unterscheiden. Held erlebte eine Frau, die über eine Mitpatientin sagte: „Die schaut mich so böse an.“ Eine gängige Reaktion der Pflegenden wäre dann, zu sagen: „Nein, die ist doch ganz lieb, die tut Ihnen nichts.“ Doch aus Sicht des Demenzkranken ergibt das keinen Sinn. Genauso wenig wie eine gespielte Verbrüderung, um die Wahrnehmung der Demenzkranken zu bestätigen. „Wir müssen stattdessen erkennen, dass diese Frau abgeschirmt werden muss, einen sicheren Raum für sich braucht, weil sie zu verletzlich und durchlässig geworden ist. Wenn wir den Patienten genügend Rückzugsmöglichkeiten bieten, benötigen sie sogar weniger Medikamente“, erklärt der Gerontopsychiater.

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"Wenn wir den Patienten genügend Rückzugsmöglichkeiten bieten, benötigen sie sogar weniger Medikamente."
Christoph Held
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Fordern und anregen, aber nicht überfordern

Held sieht den Schlüssel zu einem sinnvollen Umgang mit Demenzpatienten im Verständnis von deren verändertem Selbsterleben. Die Vorstellung, ein Demenzkranker lebe in seiner eigenen Welt, hält er für falsch: „Der Demenzkranke ist wie jeder andere Mensch unserer Welt ausgesetzt – bekommt durch sein verändertes Erleben jedoch Probleme. Hierbei sollten wir ihm entgegenkommen.“

Das bedeute immer eine differenzierte Herangehensweise. Man müsse genau hinschauen, inwieweit der Betroffene sich selbst noch erkennen und mit seiner eigenen Biografie identifizieren kann. „Wenn ein Demenzkranker von dem Foto seiner Ehefrau zunehmend irritiert wird, weil er es nicht mehr zuordnen kann, sollte man es lieber durch ein neutrales Bild ersetzen“, rät Held. Wird Biografisches zu überfordernd, sei es für viele Patienten besser, aus der eigenen Wohnung in eine `biografiefreie` Umgebung umzuziehen, etwa in ein Pflegeheim. „Tatsächlich wartet dort oft eine neue Geborgenheit mit weniger emotionalen Konflikten“, so Held.

Dem gegenüber könne es kränkend sein, dem Patienten zu früh das eigene Handeln zu vereinfachen – etwa das Brötchen zu schmieren, wenn der Betroffene es noch selbst könnte. Dadurch komme es häufig zu Situationen, in denen behutsam abgewogen werden müsse. Sagt man einem Demenzkranken: „Herr Müller, kommen Sie doch mal zum Waschen ans Waschbecken“, überfordert ihn das möglicherweise, weil er nicht mehr weiß, dass er ‚Müller‘ mit Nachnamen heißt. Ratsam sei, sich stattdessen lieber ein paar Minuten zu Zeit nehmen, zu beobachten, auf einer emotionalen Ebene Zugang zu suchen und es dann entweder ohne Worte oder mit einer allgemeineren Ansprache wie „Jetzt geht’s zum Waschen“ zu versuchen.

"Ich glaube, dass es Alzheimer-Patienten sehr zugute kommt, wenn die Pflegenden sich besser einfühlen können."
Thomas Friedel
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Thomas Friedel erhielt die Diagnose seiner Mutter in den 80er Jahren. Damals war es kaum möglich, etwas über die Krankheit in Erfahrung zu bringen. Aber allein der Besuch in einer Selbsthilfegruppe hat ihm viel gebracht, erinnert er sich. Allen, die heute Angehörige mit Alzheimer-Demenz pflegen, kann er nur ans Herz legen, die verfügbaren Informationsangebote ausgiebig zu nutzen. „Ich glaube, dass es Alzheimer-Patienten sehr zugutekommt, wenn die Pflegenden sich besser einfühlen können. Und auch für die Angehörigen wird es sicher leichter.“

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